Logbuch - Eintrag Nr. 5
Vom Wind des Lebens getragen
Vertrauen in den Wind des Lebens – das ist kein blinder Glaube.
Es ist die Kunst, der stillen Weisheit des Lebens zu vertrauen,
die ihren eigenen Rhythmus kennt und uns oft weiterträgt,
als wir mit Wollen und Anstrengung jemals gelangen könnten.
Es braucht Mut, nicht alles kontrollieren zu wollen –
und sich darauf einzulassen, dass manches Ziel uns findet,
gerade dann, wenn wir aufhören, es zu erzwingen.
Wie die Störche, die sich von der Thermik heben lassen,
anstatt mit der Luft zu kämpfen,
braucht auch unser Leben diesen Moment des Loslassens.
Doch genau hier scheitern wir oft:
Wir wollen lenken, planen, festhalten –
und verlieren dabei den Kontakt zu jenem stillen Strom
von Natur und Leben, der uns längst tragen könnte.
Vom Wind des Lebens getragen und die hohe Kunst des Vertrauens
Es gibt ein Vertrauen, das wir heute fast verlernt haben.
Ein Vertrauen, das nicht auf Zahlen, Statistiken oder Schlagzeilen baut.
Und eben nicht auf jene vermeintlich „berechenbaren“ Ergebnisse
oder auf das, was man uns als Wahrheit präsentiert.
Es ist ein Vertrauen, das tiefer reicht –
ein Vertrauen in das Herz des Lebens selbst,
in die stille, unendliche Weisheit der Natur,
die ihren eigenen Rhythmus und ihre uralten Wege kennt
und die uns zu tragen vermag, wenn wir uns ihr öffnen,
wenn wir uns in ihren Wind stellen.
An einem sonnigen Spätsommertag sehe ich die Störche am Himmel,
wie sie mühelos durch die Lüfte kreisen.
Ihre große Reise nach Afrika steht kurz bevor.
Sie schlagen nicht hektisch mit den Flügeln,
sie kämpfen nicht gegen den Himmel an.
Sie lassen sich von der Thermik heben,
Runde um Runde, immer höher hinauf.
Ihre wahre Kunst besteht nur darin,
sich richtig auszurichten – wach und gelassen zugleich.
Ein wunderschönes Schauspiel,
es sind bestimmt 20 Störche oder mehr.
Und was mich besonders berührt:
Die Jungstörche, die diese Reise noch nie zuvor unternommen haben,
sie fliegen zuerst. Die älteren werden später folgen.
Tausende Kilometer liegen vor ihnen.
Welches Vertrauen liegt darin?
Welches Wissen, das nicht erklärt werden muss,
weil es längst instinktiv in ihnen lebt?
Es ist, als wüssten sie von selbst,
dass die Kräfte der Natur sie immer tragen,
solange sie sich in diese Kräfte einfügen
und sich nicht gegen sie stellen.
Vielleicht ist das auch ein Bild für uns Menschen.
Denn es gibt einen Wind des Lebens,
den wir nicht machen können.
Einen Strom, der uns bewegt und trägt,
wenn wir aufhören, ihn kontrollieren zu wollen.
Eine Botschaft, die man fühlt und nicht denkt.
Doch das ist nicht einfach, wenn das Vertrauen
und der Zugang dahin fehlen.
Wir müssen lernen, unser lautes, forderndes Wollen
ein Stück hinter den Flug des Lebens zurücktreten zu lassen.
Denn dieses Wollen – vom Intellekt getrieben –
kann nie all das sehen, was das Herz des Lebens weiß.
Es darf ein Impuls sein, ein feiner Versuch,
ein vorsichtiges Mitfließen –
aber niemals darf es die Führung übernehmen.
Denn wenn wir es erzwingen wollen,
wenn wir versuchen, das Leben zu lenken,
ersticken wir oft das,
was von selbst erblühen möchte.
Wir verhindern oder „vergewaltigen“ sogar das Zarte,
Reiche und Wunderschöne,
das nur in Freiheit wachsen
und seine wahre Größe finden kann.
Die wahre Kunst ist es, das Segel zu setzen
und sich vom unsichtbaren Wind tragen zu lassen,
statt mit aller Kraft selbst rudern zu wollen.
Gerade heute, in einer Zeit voller Lärm, Kontrolle und Misstrauen,
scheint uns dieses Urvertrauen abhandengekommen zu sein.
Wir glauben, alles berechnen, alles planen, alles steuern zu müssen –
und verlieren doch Halt und Orientierung dabei.
Je mehr wir uns verkrampfen,
desto mehr verlieren wir die Fähigkeit,
von der Thermik des Lebens getragen zu werden.
Zurück bleibt dann oft nur eine diffuse Unzufriedenheit,
das Gefühl, dass wir etwas verpasst haben,
ohne genau zu wissen, was –
ein Ziel vielleicht, eine Erfüllung,
eine Heimat in uns selbst.
Wie wäre es wohl, wenn wir unsere Kinder in diesem Vertrauen stärken könnten?
Wenn wir ihnen Mut machen würden, die Natur zu entdecken und ihr zu trauen –
dem Leben und seiner stillen, großartigen Weisheit zu vertrauen,
statt ihnen Angst einzuflößen oder ihre eigene Entfaltung
durch unser übermächtiges Wollen immer wieder zu hemmen?
Vielleicht müssten sie sich dann nicht irgendwann mühsam davon befreien –
sofern sie es überhaupt erkennen –,
was wir ihnen unbewusst als Misstrauen mitgegeben haben,
sondern könnten sich – wie die Jungstörche –
frei und voller Zuversicht in die Thermik des Lebens heben.
Doch genau hier liegt ein großes Dilemma:
Wenn wir Älteren selbst verlernt haben,
wie es ist, sich ungestört auf diese große Reise zu begeben,
fehlt etwas Entscheidendes,
das wir den Jüngeren hätten mitgeben können.
Es ist ein Konflikt, der sich nur schwer auflösen lässt.
Und doch bleibt die Zuversicht,
dass es immer wieder Menschen geben wird,
die etwas spüren, einen Ruf hören –
und die trotz allem den Mut haben,
diesem inneren Wind des Lebens und der Natur zu folgen.
„Und falls wir einmal nicht wissen, welcher Weg der richtige ist –
vielleicht genügt es, uns zu fragen:
Wie würde die Natur diesen Weg gehen?“
Epilog
Vertrauen heißt nicht, alles zu wissen,
sondern zu ahnen, dass es eine Weisheit gibt,
die größer ist als unser Verstand.
Es ist die stille Bereitschaft,
sich in den Rhythmus des Lebens einzufügen –
wie ein Segel, das sich dem Wind öffnet
und erst dadurch Fahrt aufnimmt.
Vielleicht ist genau dieses Vertrauen
die Kunst, die uns wieder heimbringen kann:
nicht durch Kontrolle, sondern durch Hingabe.
Denn der Wind des Lebens trägt uns nur dann,
wenn wir ihm zutrauen, dass er weiß,
wohin er uns führen will.