Logbuch - Eintrag Nr. 6
Stalingrad – Die unausgesprochenen Geschichten
Es war in den 1980er Jahren, als ich als junger Mann in einem Kollektiv auf einer Großbaustelle in Ost-Berlin arbeitete. Unter den vielen Gesichtern, die sich täglich in unserem kleinen Pausenraum versammelten, war da auch Horst. Ein älterer Mann, der die Mitte 60 wohl schon überschritten hatte und dessen Bein er stets etwas hinter sich herzog, als trage er eine unsichtbare Last. Niemand wusste, warum. Es war eine dieser stillen Geschichten, die nie ausgesprochen wurden.
Wir, die jungen Männer in der Brigade, nutzten die Pausen gerne für Kartenspiele. Es war unsere Art, die Zeit zu füllen, unsere Art, miteinander zu sein. Doch eines Tages, während eines unscheinbaren Moments, sagte Horst einfach: „Ich war in Stalingrad.“ Er stand dabei auf, holte sich einen Kaffee und ließ diese Worte einfach im Raum stehen.
Keiner von uns vermochte zu reagieren. Kein Wort kam über unsere Lippen. Wir saßen still da, betäubt von der Schlichtheit, mit der er diese Wahrheit aussprach und von der Dimension, die sie enthielten. Da stand er vor uns, dieser Mann, dessen Geschichte wir bis dahin nicht gekannt hatten, und in seiner Stimme schwang etwas mit, das uns tief bis ins Mark traf. Etwas, das wir in diesem Ausmaß nicht verstehen konnten, aber dennoch erahnten.
Was war das für eine Geschichte, die Horst in sich trug? Was hatte er erlebt, das ihn bis in diese kleine Baustellenpause verfolgte?
Diese Worte, „Ich war in Stalingrad“, hallen bis heute noch immer in mir nach. So viele Jahre sind vergangen, und doch drängt sich mir die Frage auf: Warum hatten wir nicht gefragt? Warum hatten wir nicht einfach gehört? Vielleicht war es die Furcht vor dem Unaussprechlichen, vor einem Schmerz und einem Ausmaß, das wir nicht tragen konnten.
Heute, über 40 Jahre später, würde ich Horst gerne fragen: „Bitte, erzähl uns mehr. Erzähl von dem, was du gesehen, erlebt, gefühlt hast. Lass uns daran teilhaben.“ Doch damals waren wir zu jung, zu unvorbereitet, um das Gewicht seiner Worte zu tragen. Wir blieben damit still und allein, und Horst blieb damit auch allein.
Manchmal frage ich mich, wie oft solche Geschichten in der Stille verweilen, ungesagt und unerhört. Wie oft bleiben sie in den Herzen derer, die sie erlebt haben, eingesperrt und unerreichbar für die, die nie gefragt haben.
„Ich war in Stalingrad.“ Diese Worte haben sich in mir eingegraben, wie auch der Gang von Horst, mit dem Bein. Es war also die Kriegsverletzung und die Hölle von Stalingrad, die er Tagein und Tagaus hinter sich herzog.
Aber vielleicht liegen in diesem Schweigen - und in diesem Anteil haben bis heute - mehr Wahrheit, als Worte je sagen könnten.
Und gerade auch heute in unserer Zeit denke ich manches Mal daran.
Epilog
„Es gibt Geschichten, die tief in uns verankert bleiben, auch wenn wir nie die Chance hatten, sie wirklich zu verstehen. Was bleibt, sind die leisen Momente, in denen wir erkennen, wie wenig wir wissen – und wie viel in der Stille verborgen ist. Vielleicht ist es diese Stille, die mehr Wahrheit enthält als jedes gesprochene Wort.“