Logbuch - Eintrag Nr. 7
Großer Krieg - Wenn das Unvorstellbare sagbar wird
Der NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat während einer Rede in Berlin am 11. Dezember 2025 diese Aussage gemacht:
"Man müsse sich auf mögliche Konflikte in einem Ausmaß vorbereiten, wie sie unsere Großeltern oder Urgroßeltern erlebt haben."
Als ich diese Worte hörte, war ich tief betroffen.
Nicht, weil sie gänzlich neu gewesen wären.
Sondern weil sie ausgesprochen wurden –
öffentlich, selbstverständlich, fast sachlich.
Wie kann es möglich sein - frage ich mich - dass eine solche Dimension des Grauens als realistische Möglichkeit verkündet wird?
Wie kann es sein, dass der ranghöchste militärisch-politische Repräsentant des westlichen Bündnisses eine Katastrophe historischen Ausmaßes nicht als absolute Grenze benennt, sondern als Szenario, auf das man sich vorbereiten müsse?
Ein Armutszeugnis
Für mich ist allein das ein Armutszeugnis.
Ein Armutszeugnis Europas.
Ein Armutszeugnis unserer westlichen Welt.
Denn wer so spricht, hat bereits einen Schritt getan: den Schritt, das Unvorstellbare denkbar zu machen.
Und was denkbar wird, wird irgendwann sagbar.
Und was sagbar wird, wird irgendwann machbar.
Ich will mich hier nicht einlassen auf Relativierungen. Nicht auf strategische Rechtfertigungen. Nicht auf Abschreckungslogiken oder militärische Rationalitäten.
Denn jenseits aller Kontexte steht eine nackte Wahrheit:
Es geht um die Möglichkeit einer alles vernichtenden Katastrophe.
Und diese Möglichkeit wird behandelt, als sei sie eine Option unter anderen.
Welche Interessen sprechen hier?
Welche Machtansprüche?
Welche Egos,
die sich im Schatten der Angst
brutal entfalten?
Brecht wusste es
Der Dichter Bertolt Brecht wusste es. Und er sagte dies bereits 1951, in seinem offenen Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller – geschrieben vor dem Hintergrund der damals beginnenden Remilitarisierung der Bundesrepublik.
Er griff dabei auf ein Bild zurück, das älter ist als unsere Zeit und doch erschreckend aktuell.
Er schrieb:
„Das große Karthago führte drei Kriege.
Es war noch mächtig nach dem ersten,
noch bewohnbar nach dem zweiten.
Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“
Karthago war eine der mächtigsten Städte der antiken Welt. Ein Handels- und Kulturzentrum, reich, selbstbewusst, überlegen.
Nach dem ersten Krieg geschwächt, nach dem zweiten schwer gezeichnet, wurde es im dritten Krieg vollständig zerstört – dem Erdboden gleichgemacht, ausgelöscht aus der Geschichte.
Brecht wählte dieses Bild nicht zufällig. Es war keine literarische Metapher. Es war eine Warnung.
Und sie wurde verstanden. Die Menschen sagten diese Sätze
damals auf der Straße. Reden endeten mit ihnen.
Sie wussten:
Einen dritten großen Krieg würde dieses Land nicht überleben.
Heute, Jahrzehnte später, stehen wir wieder an einem Punkt, an dem diese Worte nicht nur erinnert, sondern neu verstanden werden müssen.
Denn vieles deutet darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit nicht kleiner, sondern größer wird.
Wenn dies geschieht, ist Europa das Ende beschieden – so wie einst Karthago.
Die Grenze
In diesen Tagen sagte auch Wladimir Putin sinngemäß, wenn Europa den Krieg wolle, könne es sehr schnell gehen – und danach könnte niemand mehr da sein, mit dem man verhandeln könne.
Ich zitiere das nicht, um Angst zu schüren. Sondern weil es zeigt, wie nah wir an einer Grenze stehen, jenseits derer keine Politik, keine Moral und keine Erklärungen mehr greifen.
Nur noch Vernichtung.
Epilog
Was mich fassungslos macht, ist nicht nur diese Rhetorik. Es ist das Schweigen.
Wo ist der Aufschrei?
Wo ist das Aufbegehren?
Wo sind die Menschen, die sagen:
Nicht in unserem Namen.
Nicht noch einmal.
Nicht so.
Ich kann nicht begreifen, wie still dieses Land ist, angesichts dieser dunklen Perspektiven. Wie wenig Widerspruch hörbar wird, während das Unvorstellbare Schritt für Schritt zur Möglichkeit erklärt wird.
Es bräuchte eine Bewegung. Eine breite, wache, nicht ideologische, sondern zutiefst menschliche Bewegung gegen diesen Wahn.
Nicht aus Naivität. Nicht aus Feigheit. Sondern aus Verantwortung für das Leben.
Denn wenn wir jetzt schweigen, wenn wir jetzt abnicken, wenn wir uns jetzt beruhigen lassen, dann werden andere entscheiden – über eine Zukunft, die es vielleicht nicht mehr geben wird.
Das Unvorstellbare darf nicht zur Normalität werden. Und es darf nicht ohne Widerstand gedacht, gesagt oder vorbereitet werden.